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3. Migration: Integration und europäische Identität

Die Aufnahme von Migrantinnen und Migranten und ihre Integration in die Gesellschaft müssen von den Werten Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit geleitet sein. Das ist das Ziel des im November 2020 veröffentlichten Aktionsplans für Integration und Inklusion 2021-2027 der Kommission:

Mit dem Aktionsplan soll Inklusion für alle gefördert werden und gleichzeitig der wichtige Beitrag von Migrantinnen und Migranten zur EU anerkannt und die Hindernisse, die die Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Migrationshintergrund – von Neuankömmlingen bis hin zu EU-Bürgerinnen und Bürgern – an der europäischen Gesellschaft behindern können, beseitigt werden.[i]

Darüber hinaus wird in der Entschließung des Europäischen Parlaments vom 20. Mai 2021 zu neuen Wegen der legalen Arbeitskräftemigration festgestellt, „dass die bestehenden Richtlinien nur eine begrenzte Wirkung auf die Verhinderung der Ausbeutung von Arbeitskräften gehabt haben und dass Wanderarbeitnehmer weiterhin ungleich behandelt und ausgebeutet werden“. Die Union wird aufgefordert, „konzertierte Maßnahmen zu ergreifen, um gegen diese Ungleichbehandlung und Ausbeutung vorzugehen“.[ii]

Fragen der Mobilität und Integration stehen im Vordergrund der Foto- und Videoproduktion der bulgarischen Künstlerin und Filmemacherin Borjana Wenzislawowa (Ventzislavova). Wenzislawowa, die in Wien und Sofia lebt, arbeitet fachübergreifend mit Film und Video, Installation, Fotografie, darstellender Kunst und Medienkunst. Migration Standards“ (2011) befasst sich mit den Forderungen von Migrantinnen und Migranten nach einer Änderung der europäischen Migrationspolitik. Die Protagonistinnen und Protagonisten werden vor dem Hintergrund der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Wien inszeniert, darunter das Rathaus, die Hofburg, das Belvedere und das Schloss Schönbrunn.[iii]

Die Künstlerin erklärt:

Straßenfotos oder bloße Dokumentation zu machen, habe ich immer ausgeschlossen. Hier geht es für mich um die Geschichten, die mit diesen Menschen zusammenhängen, und außerdem um die strukturellen Bedingungen und die Konventionen unserer Gesellschaft. In diesem Sinn verfolgen meine Werke einen dokumentarischen Ansatz, aber sie sind gleichzeitig immer in einer Umgebung inszeniert und positioniert.[iv]

Die Probleme und Chancen im Zusammenhang mit dem Überschreiten von Grenzen stellt Bruno de Almeida in den Mittelpunkt seines Werkes Crossing Bodies, Crossing Boundaries“ (Körper überschreiten, Grenzen überschreiten, 2024), das im Rahmen eines Zeichenworkshops mit einer Gruppe entstanden ist. Almeida sagt über diese Erfahrung:

Teilnehmende aus unterschiedlichen Kulturen und Ländern, die in der Stadt Porto leben, haben mithilfe von Papier Beziehungen aufgebaut und Verhandlungen miteinander geführt und so die Vorstellungen von Grenzen zwischen Individuen und Kollektiv reflektiert und aufgeweicht. Der kreative Prozess regte sie zum kritischen Nachdenken darüber an, wie die künstlerische Praxis die Demokratie stützen kann, indem sie das Zusammenleben in einem pluralistischen Umfeld beleuchtet.

Ein anderes kollektives Projekt, unter der Leitung von Rachel Rouzaud und entstanden unter ähnlichen Bedingungen wie das von Almeida, hatte vier unterschiedliche Neuinterpretationen der EU-Flagge – Variations on E.U. flag n°1-4“ (Variationen auf EU-Flagge Nr. 1-4, 2024) – zum Ergebnis. Auch in Paolo della Bellas „Europa“ (1998) spürt man eine vergleichbare Freude am Spielen mit Symbolen und Farben in Verbindung mit der europäischen Identität.Die Kunst von della Bella – voller Leichtigkeit und Frohsinn – geht auf die Tradition der Comic-Illustration, in der sich der Künstler zu Beginn seiner Karriere einen Namen gemacht hat, zurück. Seine Liebe für Illustration und den Comic-Stil floss in seine stärker künstlerisch geprägten Werke wie „Europa“ ein. Dieses große Kunstwerk im Querformat zeigt 39 von Hand gezeichnete, linear angeordnete Illustrationen und zwölf farbige Sterne. Die kulturelle Symbolik der Zeichnungen zu entschlüsseln und herauszufinden, zu welchem EU-Land sie jeweils gehören, macht den Reiz dieses Werks aus.

Sofía Morenos Mani(nuestro), Our Common Manifesto“ (Mani(nuestro), unser gemeinsames Manifest, 2024) schreibt sich in die lange Tradition der Manifeste ein – schriftliche öffentliche Erklärungen zu Doktrinen, Programmen oder Zielen, die sowohl in der Politik als auch in der zeitgenössischen künstlerischen Avantgarde üblich sind. Morenos Manifest hat einen wahrhaft kollektiven Charakter: Die Künstlerin führt darin Aussagen von Menschen aus der spanischen Region La Rioja zusammen, darunter flüchtige Eindrücke und spontane Gedanken in Bezug auf das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer demokratischen Gesellschaft und zu einer Region – sowohl auf lokaler als auch auf europäischer Ebene.

Das Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments in Wien hat in Zusammenarbeit mit lokalen Kunstschaffenden und der Stadt Wien mit einer öffentlichkeitswirksamen Initiative zum Ausdruck gebracht, dass die Verteidigung der Demokratie in Europa eine kollektive Aufgabe ist. Dabei wurde ein riesiges Wandgemälde mit dem Wahlslogan „Gemeinsam für Demokratie“ angebracht, das auf unbestimmte Zeit bestehen bleiben und die Vorbeigehenden auch in den kommenden Jahren an diesen Leitsatz erinnern soll.


[i] Europäisches Parlament: Legislative Train 06.2024 – 5: Promoting our European way of life – Action Plan on Integration and Inclusion (Förderung unserer europäischen Lebensweise – Aktionsplan für Integration und Inklusion). Online auf Englisch verfügbar unter: https://www.europarl.europa.eu/legislative-train/carriage/action-plan-on-integration-and-inclusion/report?sid=8201.

[ii] Entschließung des Europäischen Parlaments vom 20. Mai 2021 zu neuen Wegen der legalen Arbeitskräftemigration, ABl. C 15 vom 12.1.2022, S. 196. Online verfügbar unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/ALL/?uri=CELEX:52021IP0260.

[iii] Siegel, Steffen: „Gegenbilder. Counter-Images“. In: Aigner, Carl/Eggenberger, Nela (Hrsg.): 5 x 5. Photo Tracks (Sonderpublikation anlässlich von 25 Jahren EIKON), Wien: EIKON, 2016.

[iv] Aigner, Silvie: Borjana Ventzislavova. In: EIKON Internationale Zeitschrift für Photographie und Medienkunst Nr. 80, 2012, S. 24-29.

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