4. Fürsorge für die Schwächsten
Im Jahr 2024 nahm das Parlament mehrere Legislativtexte an, um die europäische Migrations- und Asylpolitik gemäß der Vereinbarung mit den EU-Mitgliedstaaten zu reformieren.[i] Eines der Hauptziele des Migrations- und Asylpakets besteht darin, gerechter und wirksamer zu regeln, wie die Mitgliedstaaten Menschen, die von Verfolgung und Gewalt bedroht sind, Schutz bieten.
In dieser Rubrik sind Werke zusammengefasst, die unter anderem die Integration von Fremden und Flüchtlingen in die EU-Länder als Thema und Anliegen aufgreifen. In ihrem Projekt mit dem Titel „Russian occupation in Georgia“ (Russische Besetzung in Georgien, 2024) bringt Ani Melikidse Fotojournalismus und Portraitfotografie zusammen. Ihre Motive sind Flüchtlinge, die uns offen und ohne Angst in die Augen blicken. Infolge des Einmarschs Russlands wurden Flüchtlinge in einem Sanatorium in Abchasien untergebracht, dessen Gänge und Treppen von der großen Verwüstung und Zerstörung durch den Krieg zeugen. Die Stimmung dieser Bilder nimmt Alice Kask in „Nimanda“ (2001) auf, indem sie ein altes, durchlöchertes Holzstück abbildet, das so aussieht, als käme es direkt von einem Schutthaufen.
Alex FLETT – Ionic Pastoral
ANI MELIKIDZE – Russian occupation in Georgia
ANI MELIKIDZE – Russian occupation in Georgia
ANI MELIKIDZE – Russian occupation in Georgia
ANI MELIKIDZE –
TWOFOURTWO –
TWOFOURTWO –
Alice KASK – Nimanda
ZSOFI KOZMA – //NEM// SZÁMÍTOK / I DO //NOT// MATTER
ZSOFI KOZMA –
Darío VILLALBA – Itero Malva
Tiong ANG – Portret van een jongen (animatie)
Zsófi Kozma wiederum nimmt in ihrer filigranen, großflächigen Textilinstallation „//NEM//SZÁMÍTOK“ (ICH BIN // NICHT // WICHTIG, 2024) die schwierige Integration vieler Migrantinnen und Migranten in Europa in den Blick. Dieses Thema wird auch in mehreren Arbeiten des Künstlerduos TWOFOURTWO (Constantinos Kounnis und Costas Mantzalos) aufgegriffen, so in „Postcards from Cyprus“ (Postkarten aus Zypern, 2017) und „Kalos Kakos Ilthate“ ((Un)Willkommen, 2020-2021).
„Postcards from Cyprus“ (2017) war eine Aktivität über drei Jahre, die aus der kritischen Haltung von TWOFOURTWO zur soziopolitischen Lage von Zypern nach der Finanzkrise 2013 und infolge des Zusammenbruchs des Bankensystems hervorging.[ii]
In der Neon-Installation „Kalos Kakos Ilthate“ ((Un)Willkommen, 2020-2021) befassen sich die Künstler damit, wie Flüchtlinge behandelt werden.
Das Künstlerduo TWOFOURTWO wirft einen investigativen Blick auf das Thema Einwanderung und spricht mittels Landschaftsaufnahmen, die vor allem das Meer und die Küste zeigen, das Thema Flüchtlinge an. […] Beim Betrachten kommt man nicht umhin, an den gängigen Diskurs, der überall auf der Welt mit diesen Bildern einhergeht, zu denken: „Flüchtlingsstrom“, „Entwurzelung“ und das immer wiederkehrende Konzept von „Menschen als Ware“. Ein auf zwei Arten lesbares Schild mit der Aufschrift „καλώς/κακώς ήλθατε“ (Willkommen/Unwillkommen) ruft uns in Erinnerung, dass die Reise in eine unsichere Zukunft führt. Durch eine bewusste Hinzufügung wird aus dem Buchstaben „L“ ein „K“, und so kann die Bedeutung des Geschriebenen auf unterschiedliche Weise ausgelegt werden: von „Willkommen“ über „Unwillkommen“ bis hin zu „Ob gut, ob böse, egal, dann bist du eben willkommen“.[iii]
Die Fürsorge für Kinder – in Ani Melikidses Fotoprojekt „Europas neue Flüchtlinge“ – ist das zentrale Thema von Tiong Angs Diptychon „Portret van een jongen (animatie)“ (Portrait eines Jungen (Animation), 1993). Das Gemälde zeigt eine realistisch-fotografische Abbildung eines Jungen, der im Bett liegt. Der Künstler trug grüne Farbe mit einem ungesund wirkenden gelblichen Stich auf eine dünne Leinwand auf, die in Form eines offenen Buches über einen Rahmen gespannt ist. Das Hochziehen eines Augenlids, um das Auge darunter zu untersuchen, erinnert – vielleicht unbeabsichtigt – an die verstörenden Close-ups aus Luis Buñuels surrealistischem Film „Un chien andalou“ aus dem Jahr 1929. Hier wird das Auge des Jungen jedoch mit Gewalt geöffnet, um es mit einem Taschenmesser aufzuschlitzen. Eine Metapher für die radikale Art und Weise, wie der Künstler den Blickwinkel der Betrachterinnen und Betrachter zu erweitern sucht.
Mit Momenten von Schwäche und Krankheit haben sich Darío Villalba (1939-2018) und Alex Flett (geb. 1950) mithilfe unterschiedlicher visueller Strategien auseinandergesetzt. Villalbas „Itero Malva“ (1989) besteht aus gemalten und fotografischen Ausschnitten, die nur undeutlich erkennbare Teile des menschlichen Körpers in Großaufnahme zeigen. Die unterschiedlichen Grauschattierungen bringen dabei ihre fragile Sinnlichkeit zum Ausdruck. Diese Verbindung von Malerei und Fotografie ist für den Künstler typisch. Es scheint, als würde man in „Itero Malva“ Werke aus der Reihe „Los encapsulados“ („Die Eingekapselten“), die Villalba in den 1960er-Jahren weltweite Anerkennung brachten, unter einem Mikroskop betrachten. Andy Warhol sprach von „pop soul“. Ihn berührte die tiefgründige menschliche Wahrheit hinter den anonymen Motiven: von Behinderung gezeichnete, marginalisierte Bettler oder kranke Menschen, isoliert in Acryl-Blasen.[iv]
Alex Fletts „Ionic Pastoral“ (1996) ist ein ungewöhnliches Memento mori.Die Barock-Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, die zum Nachdenken über die Vergänglichkeit des Lebens anregen wollen, zeigen Schäfer, die durch idyllische Landschaften ziehen und plötzlich auf einen menschlichen Schädel oder eine Grabstätte mit der Inschrift „Et in Arcadia ego“ stoßen. Bei Flett hingegen thront der Schädel eines Widders eindringlich und still auf einem Totem-Pfahl über einer spielerisch-polychromen Komposition auf einer am Boden ausgelegten Leinwand.
Flett beschreibt sein Werk so:
Die Bildsprache des Gemäldes auf der Grundfläche (Öl auf Leinwand) basiert auf einer alten keltischen Praxis: Man stellte ringförmige Steine auf und geleitete Kranke – vor allem an der Vitaminmangelkrankheit Rachitis leidende Kinder – durch diese hindurch, um sie durch magische Kräfte zu heilen. Diese alte Vorstellung spiegelt sich auch in der Verwendung des auf einem mit Schiefer verkleideten Holz-Zaunpfahl sitzenden Widderschädels, der für die „heidnische“ Unwissenheit steht. Jedoch sind in den Augenhöhlen Glaslinsen eingesetzt, auf deren Rückseite kleine keltische Kreuze aufgemalt sind. Keltische Heilige der damaligen Zeit – insbesondere der Heilige Columban von Iona – übernahmen oft alte keltische Orte heidnischen Ursprungs und christianisierten sie mit einem Kreuz. […] Rachitis und andere Vitaminmangelkrankheiten waren in Schottland und überall in Europa lange Zeit bis zum Beginn dieses Jahrhunderts und darüber hinaus ein gravierendes Problem.
Viele Politiker setzten sich aus Gewissensgründen dafür ein, die Ernährung und Lebensbedingungen der am stärksten Gefährdeten zu verbessern. Der Heilige Columban kämpfte seinerseits vor 1 400 Jahren für die Seele eines kleinen wilden Landes [Schottland]. Es war der parallel geführte Kampf gegen den schlimmsten aller Feinde: die Unwissenheit. Der Künstler hofft, dass „Ionic Pastoral“ Politikerinnen und Politiker im Europäischen Parlament dazu anregt, überall für die Beseitigung von Unwissenheit und Leiden einzutreten.[v]
[i] Europäisches Parlament: Parlament nimmt neues Migrations- und Asylpaket endgültig an. Online verfügbar unter: https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20240408IPR20290/parlament-nimmt-neues-migrations-und-asylpaket-endgultig-an. Europäisches Parlament: Legislative Train 06.2024 – 5: Promoting Our European Way Of Life – Regulation On Asylum And Migration Management (Förderung unserer europäischen Lebensweise – Verordnung über Asyl- und Migrationsmanagement) – Q3 2020. Online auf Englisch verfügbar unter: https://www.europarl.europa.eu/legislative-train/carriage/asylum-and-migration-management-regulation/report?sid=8201.
[ii] Mantzalos, Costas/ Pericleous, Vicky: „Cultural Errors and Creativity. How Visual and Textual Triggers Create New Meanings“. In: Ní Ríordáin, Clíona / Schwerter, Stephanie (Hrsg.): Speaking Like a Spanish Cow. Cultural Errors in Translation. Stuttgart: ibidem, 2019. Aus dem Artikel: „Die Werke von 242 entstehen durch eine Aneignung. Die Künstler verwendeten Schilder von Industriebetrieben, die nach der Insolvenz der Unternehmen infolge der Finanzkrise abmontiert wurden, und haben aus ihnen neue Konzepte entworfen. Sie haben ihr Werk außerdem in einen neuen Kontext gestellt, indem sie die Bedeutung der Schilder verändert haben, um neue Namen oder Wörter zu kreieren und so einen kritischen Blick auf die Situation in Zypern zu werfen. Durch die verdrehten Wörter und die Kombination aus Text und Bild wird mittels der Konzepte von Konsumkultur, Gier und Größenwahn der übliche Tagesablauf in Zypern gezeigt […]. Parallel dazu geben die Künstler neuen Fragestellungen Raum: Ist die Finanzkrise das „neue Zypern-Problem“? Wird man nicht mehr die Wörter „besetztes Gebiet“ und „Flüchtlinge“, sondern „notleidende Kredite“ und „Arbeitslosigkeit“ hören?“
[iii] Ibid.
[iv] Darío Villalba. Una visión antológica 1957-2007 [Ausstellungskatalog]. Madrid: Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, 2007.
[v] Archiv der Kunstsammlung des Europäischen Parlaments.