2. Ethik und politische Freiheit, Demokratie und Stimmabgabe
Im Vertrag über die Europäische Union heißt es: „Alle Bürgerinnen und Bürger haben das Recht, am demokratischen Leben der Union teilzunehmen. Die Entscheidungen werden so offen und bürgernah wie möglich getroffen.“[i] Transparenz und ethische Fragen stehen in engem Zusammenhang mit der Ausübung der politischen Freiheit und des Wahlrechts. Das Parlament hat sich im Rahmen verschiedener Initiativen wie des Verhaltenskodex für die Mitglieder, des Transparenzregisters oder seiner Website für das öffentliche Register mit diesen Themen befasst.[ii]
Der Beitrag der Artivistin Sára Bányai „Rethink with the Communitives of Malmö“ (1. Juni 2024) macht auf spielerische Art und Weise deutlich, dass bei der Ausübung der politischen Freiheit ethische Grundsätze berücksichtigt werden müssen und ein verantwortliches Handeln unerlässlich ist. Es handelt sich um ein Kartenspiel samt Anleitung, das dazu anregen soll, das Leben von Gemeinschaften an einem konkreten existierenden Ort in Schweden zu überdenken. Die Künstlerin stellt die Frage in den Raum, wie und für welche Zwecke das Wahlrecht und das Recht auf Teilhabe genutzt werden sollten. Im Rahmen der Regeln und der Entwicklung dieses Spiels bezieht sich der Begriff „communitive“ auf Synergieeffekte zwischen gemeinschaftsbezogenen Projekten und Gemeinschaften, die es wagen, Eigeninitiative zu entwickeln.
ARKoPOLL: the party!
ARKoPOLL: the party!
Paul GRAHAM – Untitled, Germany (Swarm of flies / Hole in Ground)
ILIYANA GRIGOROVA
ILIYANA GRIGOROVA
Berit HEGGENHOUGEN-JENSEN – Untitled
Disco Voting Booth
ULYSSE VASSAS
Yannis PSHYCHOPEDIS – Portrait de Lorca
Rethink with the Communitives of Malmö
Rethink with the Communitives of Malmö
Hygge,
Hygge,
Berit Heggenhougen-Jensen stellt in ihrem Diptychon „Ohne Titel“ (1990) mittels der Darstellung des grünen Filzes eines Kasino-Spieltischs ethische und moralische Fragen zu den Entscheidungen im Glücksspiel, bei dem Geld und Vermögen den Besitzer wechseln. Der Tisch ist ein Objekt, dem in den Werken mehrerer der ausgewählten Artivistinnen und Artivisten – wie Bányai oder Almeida – große Bedeutung zukommt. Bei Rosina Lui etwa steht eine besondere Art von Tisch im Zentrum ihres Werks „Hygge“ (2024). Der niedrige Tisch ist mehr als ein Objekt und ein Ort, um seine Kaffeetasse abzustellen. Er verkörpert historische, soziale und politische Werte, die Lui so definiert:
Hygge findet als Begriff erstmals im 19. Jahrhundert in dänischen Schriften Erwähnung und ist heute ein weitverbreitetes Konzept, das für ein von Behaglichkeit und Geselligkeit geprägtes Gefühl der Zufriedenheit steht. Es ist nicht nur ein individueller Seelenzustand, sondern auch eine alltägliche Erfahrung von Zusammengehörigkeit, Sicherheit, Gleichheit, positiven Gemeinschaftserfahrungen und persönlicher Erfülltheit. Hygge wird von einer starken und nachhaltig gestalteten politischen Struktur gestützt, in der die individuellen Rechte und Freiheiten im Bereich kulturelle, soziale und politische Teilhabe gefördert werden. Das Kunstwerk – funktional betrachtet mit einem niedrigen Beistelltisch im Mittelpunkt – erfasst das Wesen einer offenen, demokratischen und kooperativen Gesellschaft.
Giannis Psychopedis‘ (geb. 1945) Arbeiten aus den späten 1960er-Jahren eröffnen einen anderen Blickwinkel als die genannten Werke: Der Künstler befasst sich vor allem mit Machtmissbrauch beim Versuch, die Freiheit von Bürgerinnen und Bürgern einzuschränken, und nimmt damit auf die politische Lage der damaligen Zeit in Griechenland Bezug.[iii] „Portrait de Lorca“ (1968), mit seinem bissigen und brachialen dokumentarischen Charakter, zeigt eine Galerie von Persönlichkeiten, die aussehen, als wären sie wichtige politische Entscheidungsträger. Gesichter, die noch stärker entstellt sind, zeigt Psychopedis in einem anderen Werk aus demselben Zeitraum mit dem Titel „Die Retter“ (1968).[iv]
Psychopedis‘ Gemälde folgen den visuellen Codes anderer Kunstschaffender und Gruppen der damaligen Zeit, wie der spanischen Equipo Crónica und Equipo Realidad – zwei Kollektive, die vorrangig Bilder aus Zeitungen, Kino und Kunstgeschichte verwendeten, um die gesellschaftliche und politische Realität zu kommentieren. So wird in Kritik und Kunstgeschichte über Psychopedis gesagt:
Giannis Psychopedis bezieht sich in seinen Arbeiten – die nach 1964 politische Themen mit einer an Zeitungen erinnernden Schwarz-Weiß-Ästhetik und dem Konzept des Fotoessays verbinden – mitunter direkt auf Mitglieder der politischen und sozialen Eliten. Durch die kalte fotografische Ästhetik konnte Psychopedis die düstere und harte Realität der Zeit objektiv und nüchtern festhalten.[v]
Paul Grahams (geb. 1956) fotografisches Diptychon „Untitled (Swarm of flies/Hole in Ground)“ (Ohne Titel (Fliegenschwarm / Loch in der Erde), 1990) stellt die Nahaufnahme eines Erdlochs dem von unten aufgenommenen Bild eines Fliegenschwarms gegenüber. In einem Kommentar von 1992 aus dem Katalog zu den Ankäufen von Werken aus dem Vereinigten Königreich werden die beiden Fotografien als bildhaftes Zeugnis für die materielle Spur, die die Berliner Mauer als Instrument der Unterdrückung und Trennung miteinander verbundener Menschen im Stadtbild hinterlassen hat, bezeichnet:
In seinem fotografischen Diptychon richtet Paul Graham seine Kamera auf den Boden, an dem einst die Berliner Mauer stand, und ruft behutsam jüngste historische Ereignisse ins Gedächtnis. Auf der rechten Seite taucht man in ein Loch im Boden, das von der politischen Grenze übrig blieb, wohingegen sich der Blick im linken Bereich nach oben zum Himmel auf einen Schwarm Fliegen richtet – und während die Miniatur-Walküren in die Ferne entschwinden, liegt ein böses Omen in der Luft, das politische Unruhen ankündigt.[vi]
Wie das genannte Gemälde von Psychopedis besteht auch ein weiteres Kunstwerk aus einer Reihe von Porträts, jedoch ganz anderer Art: „Changemakers“ (2024) von der bulgarischen Fotografin und Artivistin Ilijana Grigorowa. Die Protagonistinnen und Protagonisten dieses kaleidoskopischen kollektiven Porträts sind Menschen – aus Aktivismus und Artivismus –, die Grigorowa bei ihrer Teilnahme an dem in der Einleitung genannten Projekt „Pop the vote!“ kennengelernt hat.
In dem Werk, für das sie eine alte fotografische Technik aus dem 19. Jahrhundert – die Zyanotypie, mit ihrer typischen bläulich-monochromen Farbgebung – verwendet hat, bekundet Grigorowa ihre aufrichtige Bewunderung für diese Menschen. Indem sie sich für diese heute selten verwendete Technik entschieden hat, scheint sie die Begeisterung, den Mut und die dynamische Kraft jeder und jedes Einzelnen besonders hervorheben zu wollen. Diese Eigenschaften finden auch in den Werken „Disco Voting Booth“ (2024) von Ulysse Vassas und „ARKoPOLL: the party!“ (2024) von Fjorida Cenaj (Cultterra-Team) Anerkennung. Die diesen Werken zugrunde liegende Idee ist, Demokratie als Fest, zu dem alle eingeladen sind, zu begreifen und gemeinsam zu erleben.
[i]Vertrag über die Europäische Union, Titel II, Artikel 10.
[ii]Europäisches Parlament: Transparenz und ethische Fragen, abrufbar unter: https://www.europarl.europa.eu/at-your-service/de/transparency
[iii] Griechisches Kulturministerium, Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst, Ausstellung „The years of defiance: The Art of the 70s in Greece“: „Griechenland erlebte eine […] Zeit politischer Krisen und Unruhen, mit einer Reihe kurzlebiger Regierungen nach der Verfassungskrise vom Juli 1965. Mit dem Staatsstreich vom 21. April 1967 wurde eine Diktatur errichtet, die sieben Jahre andauerte und mit der türkischen Invasion Zyperns und der Besetzung eines großen Teils der Insel endete.“ „[…] die Folgen des Zeitgeschehens in der Welt sensibilisierten zwangsläufig auch die griechischen Kunstschaffenden. Überall auf der Welt wurde die Kunst in dieser Zeit stark politisiert, und die Ereignisse in Griechenland lieferten den Kunstschaffenden eine Fülle von existenziellen Ausgangsmaterialien für ihre Arbeit, was ihr Bestreben zur kritischen Einflussnahme verstärkte. Dieses Bestreben erwuchs aus ihren Lebenserfahrungen, aus einer unabdingbaren Notwendigkeit und aus dem Geist einer Zeit, der die Menschen dazu anregte, für ihre Ideen einzustehen.“ Ausstellung von Dezember 2005 bis Mai 2006.
[iv] Eine Abbildung von „Die Retter“ (1968) ist in einem Artikel aus ART – NEA vom 3. Oktober 2023 zu finden:
„Die große Retrospektivausstellung ‚Yiannis Psychopaidis. Art as a fighting testimony. Works of the 1960s and 1970s and their aftermath‘, die morgen [2023] in der Kunstgalerie der Gemeinde Zentralkorfu und Diapontische Inseln eröffnet wird, konzentriert sich auf die künstlerische Arbeit der 1960er- und 1970er-Jahre.“ Online verfügbar unter: https://www.efsyn.gr/tehnes/art-nea/406500_pneyma-shima-kai-hroma-mias-oramatikis-aristeras.
Zu anderen kürzlich durchgeführten Projekten über den Künstler: „The artistic spring of Giannis Psychopaidis“, 14. April 2024:
„Mit zwei Ausstellungen in Deutschland und England im April und einer Ausstellung danach im Juni in Griechenland ist Giannis Psychopedis Werk in ganz Europa präsent […]. Psychopedis – der zwischen München, Berlin und Brüssel pendelt – ist einer jener Kunstschaffenden, die Theater, Museen, Galerien und Kunsteinrichtungen nachhaltig geprägt und dort ihre künstlerischen Spuren hinterlassen haben.“ Online verfügbar unter: https://www.efsyn.gr/nisides/429467_i-kallitehniki-anoixi-toy-gianni-psyhopaidi.
Unser Dank gilt TWOFOURTWO für die Unterstützung bei der Suche nach weiterführenden Informationen zum politisch-historischen Kontext der Gemälde von Psychopedis in der Sammlung des Parlaments.
[v] Griechisches Kulturministerium, Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst, Ausstellung „The years of defiance: The Art of the 70s in Greece“, Dezember 2005 bis Mai 2006.
[vi] „Twelve stars – selected works from the European Parliament Art Collection featuring new British acquisitions“, 1992, Katalog der Ausstellung in Belfast, Edinburgh und London zwischen Oktober 1992 und Jänner 1993.